Der Leiseste zuoberst

Félix Meier hat vergangenen Samstag in Bellach seinen zehnten Profikampf gewonnen und ist weiterhin ungeschlagen. Seit dieser Woche führt der 21-jährige Lausanner die Pound-for-Pound-Rangliste der aktiven Schweizer Profiboxer an. Am 26. Dezember boxt er in der Kursaal Arena Bern gegen Alfred Kqira um die Schweizer Meisterschaft im Superweltergewicht. Es ist Meiers erster Titelkampf.

17. September 2026
Felix Meier Backstage

Härtetest in Bellach

Der Profiboxer Luis Enrique Romero stieg am 12. September in Bellach nicht in den Ring, um zu verlieren, sondern um den jungen Félix Meier zu testen. Der Venezolaner ist ein Journeyman mit einer negativen Kampfbilanz von 13-16-1. Wer genau hinschaut, erkennt die wenigen frühzeitigen Niederlagen (3) sowie Siege in Italien und in Spanien. Gegen Meier gab Romero nach drei Runden auf. Die Vorzeichen erkannte Meier schon früh im Kampf: «Mit kleinen Tricks versuchte er, Zeit zu schinten. Klammern, die Rundenpause herauszögern, der Schnürsenkel. Dass er dann ganz aufgibt, hat mich trotzdem überrascht.» Es war Meiers zehnter Kampf in seiner erst 22 Monate alten Profiboxkarriere, sein siebter vorzeitiger Sieg. 44 Runden hat er jetzt als Profi bestritten.


Ein schöner Rekord

Über eine Bilanz von 10-0 ist im Boxen schnell geurteilt, und meistens falsch, in beide Richtungen. Profiboxen funktioniert nicht im Ligamodus. Die Kämpfe werden einzeln ausgewählt, das ist keine Heimlichkeit, so funktioniert dieser Sport. Die Frage ist aber, mit welchem Ziel. «Ich suche nicht in erster Linie die Gegner aus, sondern die Kämpfe. Es geht darum, aktiv zu sein und Erfahrung zu sammeln, einmal gegen einen jungen Ungeschlagenen, einmal gegen einen erfahrenen Hasen. Wichtig ist, dass das Niveau steigt und damit die Herausforderung. Und etwas Risiko ist auch immer dabei, wenn man nach vorn will.» erklärt Meiers Manager und Promoter Leander Strupler. Auf den Einwand von Kritikern, zehn Siege bewiesen noch nichts, antwortet er, wie man es selten von einem Promotern hört: «Die haben recht. Viele Boxer haben heute aufgeblasene Null-Rekorde, die gar nichts bedeuten. Aber was die anderen tun, ist für uns irrelevant. Ich weiss, dass Félix Gegner besiegt hat, gegen die andere Schweizer nicht bestehen würden. Wir gehen unseren eigenen Weg und dieser ist noch lange und steinig. Wir haben noch nichts erreicht.»


Ganz oben auf der Rangliste

Die Profibox-Enzyklopädie BoxRec gilt in der Welt des Faustkampfs als die unabhängige Statistik-Plattform. Filtert man da die Rangliste der aktiven Profiboxer aus der Schweiz über alle Gewichtsklassen hinweg (Pound-for-Pound), erscheint Félix Meier an erster Stelle. Dies vor Ramadan Hiseni (22-3-2), Angel Roque (11-0-1) und Faton Vukshinaj (17-3-2), die alle mindestens 30 Jahre alt sind und deutlich mehr Kämpfe bestritten haben. Diese Rangliste ist eine Rechnung, kein Urteil, und beruht auf einem nicht öffentlichen Algorithmus, der aus den Kampfresultaten eine Rangliste berechnet. Aber es ist die Einstufung einer Plattform, die kein Interesse hat, die Boxwelt falsch darzustellen, und sie fällt zugunsten eines 21-Jährigen aus.


Mit YouTube-Videos zum Schweizermeister 

Meier ist in Lausanne geboren und hat dort als Jugendlicher im Boxclub «Fight District» geboxt. Seine Bilanz im Amateurboxen aus jener Zeit: 30 Siege, 11 Niederlagen. Sieben Schweizer Meistertitel, von den Kadetten 2018 über die Junioren und die Jugend bis zum Elitetitel im November 2022. Einen grossen Teil davon holte er sich, ohne dass ihn jemand systematisch betreute. Er trainierte über weite Strecken für sich allein, zu Hause oder im Gym, und brachte sich das Boxen selbst bei, oft mit Hilfe von YouTube-Videos. «Ich habe mir online viele Kämpfe angeschaut und dann im Sparring versucht, das umzusetzen, was ich beobachtet hatte. Ich schaute auch Erklärvideos, die Schläge, Kombinationen oder Bewegungen beschrieben. Viele davon waren auf Russisch. Ich habe zwar nicht verstanden, was gesagt wurde, aber die Bewegungsabläufe einfach nachgemacht.» Inspiriert hat ihn der ukrainische Olympiasieger und Weltmeister Vasyl Lomachenko.«Weil er sich so gut bewegt. Ich habe versucht, ihn nachzuahmen. Körperlich sind wir verschieden, ich bin schwerer. Aber ein paar Sachen habe ich mir abgeschaut.»

Christina Nigg, die Pionierin des Schweizer Frauenboxens und damalige Chefin Leistungssport beim Schweizer Boxverband, hatte Meiers heutigen Manager früh auf den jungen Boxer aufmerksam gemacht. «Christina hat von seinem Instinkt und den boxerischen Qualitäten geschwärmt, aber auch von dem, was ausserhalb des Rings zählt: seinem Charakter und seinem stabilen Umfeld. Sie war auch die Erste, die bei Felix eine professionelle Betreuung hineinbrachte.» erinnert sich Strupler.

Den Ausschlag für Meiers frühen Wechsel ins Profilager gab eine sportpolitische Entscheidung. Für die Olympischen Spiele 2024 wurde die Zahl der Gewichtsklassen reduziert. Meiers Superweltergewicht (bis 69 kg) fiel weg, und die Klasse darunter war für ihn nicht zu erreichen. So wechselte Meier im November 2024 zu den Profis. Strupler stattete ihn mit einem Fünfjahresvertrag aus, was für einen Schweizer Boxer am Anfang der Karriere ungewöhnlich lange ist, und brachte ihn nach Bern zu den Boxing Kings, wo ihn Alain Chervet trainiert. Meier lebt seither als einziger Schweizer Boxer als Vollprofi. Er trainiert täglich in Bern, boxerisch bei Chervet, athletisch bei Fabian Seiler im «Rope»-Fitnessstudio.


Voller Technik und Druck

Wer Meier für einen reinen Distanzboxer hält, hat ihn nicht gesehen. Sein Trainer beschreibt ihn so: «Félix boxt kompakt, hat ein sehr gutes Distanzgefühl und kann die Aktionen seines Gegners antizipieren. Er ist ein Tempoboxer, der mit viel Druck nach vorn arbeitet und seinen Gegner ständig beschäftigt.» Nach der grössten Schwäche gefragt, nennt Chervet keine technische.«Félix will im Training manchmal zu viel und muss dann gebremst werden. Er ist sehr ehrgeizig, lernwillig und möchte sich ständig weiterentwickeln. Die Aufgabe des Teams ist es, diese Energie richtig zu steuern und dafür zu sorgen, dass er sie im richtigen Moment einsetzt.»

Was Meier besonders macht, fällt ausserhalb des Rings auf: ein höflicher, zurückhaltender junger Mann, der nichts von sich behauptet. «Ich gehöre zu den Ruhigen, aber innen drin ist schon viel los. Das Boxen ist für mich ein Mittel, inneren Dampf abzulassen». Einen Umschaltschalter, der den lieben jungen Mann zum Killerinstinkt-Boxer macht, sieht Meier nicht. «Ich habe kein Ritual, kein Wort, das ich mir sage. Ich glaube, das ist unbewusst. Es passiert von allein. Ich habe früh gelernt, dass mich im Ring Höflichkeiten nicht weiterbringen. Wenn ich in den Ring steige, ist fertig mit nett sein. Dann bekommt der, der vor mir steht, alles ab, was in mir steckt.»


Titelkampf zum Jahresende

Vor dem Titelkampf am Stephanstag steht am 23. Oktober in Puidoux ein weiterer Aufbaukampf an. «Die Veranstaltung findet in der Nähe von Lausanne statt, und es ist wichtig, dass Félix sich auch den Westschweizer Fans zeigt. Er ist da besonders beliebt und zeitlich passt der Termin ebenfalls». Danach bleiben gut zwei Monate für die Vorbereitung auf den «Boxing Day».

Am 26. Dezember wartet Alfred Kqira. Der Zürcher, im Kosovo geboren, ist am Kampftag 31 und damit neun Jahre älter als Meier. 170 Zentimeter gegen 178. «Junger Wunschschwiegersohn gegen erfahrenen Bad Boy» beschreibt der Promoter das kontrastreiche Duell. «El Chapo», ein aus Netflix bekannter Drogenkartell-Boss, ist Kqiras Übername, weil er für seine Klasse klein ist, aber besonders gnadenlos. Und Kqira boxt, wie man mit seinen Voraussetzungen boxen muss: offensiv und mit Risiko, im Infight, wo Reichweite nichts wert ist. Kqiras Bilanz von 9-3 will gelesen werden. Im April 2023 knockte er im Berner Stadttheater den niederländischen Meister Steve Suppan (13-1-1) in der ersten Runde aus. Acht Monate später stand er am Boxing Day dem ungeschlagenen Polen Lukas Dekys gegenüber und verlor über acht Runden nach Punkten. Im Dezember 2024 traf er im Zürcher Hallenstadion auf den ebenfalls ungeschlagenen Yauheni Makarchuk und verlor. Zwei seiner drei Niederlagen stammen von Männern mit makelloser Bilanz. Seither hat Kqira nicht mehr geboxt. Er führt zwei eigene Boxgyms und nimmt nur noch an ausgewählten Kickbox- und Boxkämpfen teil. Aufbaugegner interessieren ihn nicht mehr. Am 26. Dezember will er seine Boxkarriere mit einem Sieg neu lancieren. «Alfred ist für jeden Gegner ein Risiko. Er kann viel einstecken, aggressiv reinspringen und jeden ausknocken.» warnt Strupler.

Dass so eine Paarung zustande kam, ist fürs Schweizer Boxen keine Selbstverständlichkeit. Ein ungeschlagener Zweiundzwanzigjähriger mit sieben vorzeitigen Siegen ist für niemanden eine bequeme Option. Angefragt wurden alle der Gewichtsklasse. Zugesagt hat Kqira. «Schweizer Duelle kommen leider selten zustande. Ich habe viel angefragt, lange erfolglos. Am Ende braucht es jemanden, der das Risiko annimmt. Alfred hat zugesagt, und das rechne ich ihm hoch an.»

Die Ausgangslage des Kampfes lässt sich so zusammenfassen: Kqira sucht den harten Einzelschlag, den einen, der alles entscheidet. Meier arbeitet mit Kombinationen und versucht, den Druck über die Runden zu steigern und so den Gegner zu zermürben. Chervet gibt seinem Schützling folgende Taktik mit auf den Weg: «Félix muss von der ersten bis zur letzten Sekunde konzentriert bleiben. Eine stabile Deckung, saubere Beinarbeit und vor allem: nicht vor dem Gegner stehen bleiben.»


Der traditionsreiche 26. Dezember

Am Stephanstag wird in der Schweiz seit Jahrzehnten geboxt. 1969 stand Fritz Chervet an diesem Datum im Ring, 1971 schlug Muhammad Ali im Zürcher Hallenstadion den Hamburger Jürgen Blin in der siebten Runde k. o. Promoter Charly Bühler brachte den Termin nach Bern, Daniel Hartmann machte den Namen Boxing Day bekannt, seit 2017 führt Leander Strupler mit seiner Firma «Swiss Pro Boxing» den Anlass weiter. «Dort, wo ich trainiere, sehe ich all die Plakate von früheren Boxing Days und spüre, wie viel Tradition da drinsteckt. Da als Hauptkampf anzutreten, ist eine Ehre, und es ist der letzte Kampf des Kalenderjahres, also der Höhepunkt», erzählt Meier. Im Bezug auf seine Vorbereitung sei der Kampf aber wie jeder andere: «Ich bereite mich immer gleich gut vor, damit sich das Gefühl nicht verändert, mit dem ich in den Ring gehe. Ich habe bei anderen Boxern beobachtet, dass Missgeschicke passieren, wenn man zu viel Druck hat oder etwas auf die leichte Schulter nimmt. Im Boxen geht es schnell, ein Schlag kann alles ändern. Ich fokussiere mich auf den Kampf, nicht auf das Rundherum.»